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06.08.98


Rein ins Internet, raus aus der Krise

Die Winterthurer Musicbox, einer der grössten Plattenläden der Schweiz, will mit einem virtuellen Shop die Geschäftskrise überwinden - so wie es die Buchhandlung Schneebeli vormacht.

Von Niels Walter

Der Plattenladen im Untergrund steht in der Beliebtheitsskala vieler Musikfans ganz oben. Obwohl die Musicbox in einem Kellergeschoss an der Winterthurer Marktgasse versteckt ist, ist sie weitherum bekannt - ihr CD-Sortiment ist eines der grössten in der Schweiz. In den Ladenregalen stehen 30 000 CDs. Im Computer sind insgesamt 1,2 Millionen Titel gespeichert.

Die Musicbox gibt es seit 22 Jahren. Bis Anfang der 90er Jahre lief das Geschäft gut. Damals gingen jährlich bis zu 100 000 CDs und Vinylplatten über den Ladentisch. Doch das ist vorbei: 1997 verkaufte die Musicbox noch knapp 60 000 Tonträger. Die Konkurrenz ist gross, die Marge klein. Und es gibt immer mehr Kunden, die zwar in der Musicbox an einer der 55 Stationen CDs hören, diese dann aber bei Grossverteilern kaufen, weil sie dort zu Tiefstpreisen angeboten werden. "Wenn wir nebenbei noch mit Waschmaschinen Geld verdienen würden, könnten wir die CDs auch so günstig verkaufen", sagt Geschäftsführer Peter Bühler.

Mit virtuellem Warenkorb unterwegs

Weil der Markt immer enger wird, will die Musicbox nun im Internet die erste Geige spielen. Im elektronischen Laden www.CeDe.ch kann die Kundschaft zu Hause am Computer 150 000 Titel abrufen. Wer einkaufen will, wirft die gewünschten CDs in einen virtuellen Warenkorb, gibt seine Heimadresse an und bestellt per Mausklick - zwei Tage später liegen die CDs im Briefkasten. Sie sind gleich teuer wie im Laden in der Altstadt.

Das Geschäft rentiert nicht. "Noch nicht", sagt Bühler. In den ersten sechs Monaten hat er 2000 CDs per Computer verkauft. Sein zusätzlicher Arbeitsaufwand im virtuellen Laden beträgt täglich zwei bis drei Stunden. Die Marge ist gleich null, weil er Porto und Serviceleistung nicht verrechnet.

Bühler verspricht sich vom Gang ins Netz neue Kundschaft, die ausserhalb von Winterthur lebt; Leute auf der Suche nach Raritäten, die kleine Läden und grosse Ketten nicht im Angebot haben. Bühler ist zufrieden, wenn er einmal ein Fünftel seines Gesamtumsatzes im Internet erzielt: "Das würde reichen als Rettungsring für die Musicbox."

Schneebeli: Hohe Umsätze im Netz

In Winterthur gibt es neben der Musicbox noch einen Laden, der einen grossen Shop im Internet betreibt. Alex Schneebeli, Inhaber der Buchhandlung Schneebeli, führt einen elektronischen Laden unter dem Namen www.buch.ch. Wie die Musicbox entschied er sich in schwierigen Zeiten für die Vorwärts-ins-Netz-Strategie. Mit einem Unterschied: Schneebeli begann vor über drei Jahren, als in der Schweiz das Internet-Shopping noch kaum ein Thema war. Das Risiko scheint sich gelohnt zu haben: Schneebelis Umsatz im Internet beträgt eine Million Franken, das ist doppelt soviel wie im Laden an der Obergasse. Der Umsatz des Cyber-Buchladens hat sich im vergangenen Geschäftsjahr verdreifacht. "Wir haben Wachstumsraten wie noch nie", schwärmt er. Doch Schneebeli sagt auch: "Eine Goldgrube ist das Internet nicht." Weil der Serviceaufwand enorm und der Versand für die Kunden kostenlos ist, hat Schneebelis Online-Shop trotz der steigenden Umsätze bis anhin Verlust gemacht. Dies soll sich ab diesem Jahr aber ändern: "Ich erwarte eine ausgeglichene Rechnung und ab 1999 einen Gewinn." Schneebelis virtueller Laden im Netz hat den realen in der Altstadt als Hauptgeschäft abgelöst. Die Winterthurer Lokalbuchhandlung, deren Kundenstamm laut Schneebeli "früher bei Andelfingen endete", ist mit einem Schlag zu einem Shop geworden, in dem man praktisch von der ganzen Welt aus einkaufen kann. "Ich habe nun Kunden in der ganzen Schweiz." Er habe auch schon Bücher nach Brasilien verkauft.

Schneebeli hält trotz dem Erfolg im Internet an der "alten" Buchhandlung fest: "Wir brauchen den Laden nur schon wegen des Images, aber auch wegen der Infrastruktur." Trotz hartem Konkurrenzkampf ist für Schneebeli der traditionelle Laden ein sicherer Wert. Das könne man vom Internet nicht sagen: "Das verändert sich rasend schnell. In zwei Jahren kann alles ganz anders aussehen."


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Ein Ladenlokal ohne Kunden: Hier verpackt Alex Schneebeli die Bücher, die per Mausklick bestellt werden.


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